totd #23 – Authentisch sein

Ich werde heute ein wenig über Labels, Vorurteile und die „Vanilla-Gesellschaft“ schreiben. Es wird keine leichte Aufgabe sein dies zu tun ohne Hass zu verbreiten. Das möchte ich keinesfalls. Je länger ich mich in der „Kinky-Welt“ aufhalte, desto mehr fühle ich mich in der „normalen Gesellschaft“ fremd. Ich merke diese Vorurteile und die komischen Blicke, wenn ich nur irgendwie eine Aussage mache, die nicht der „Norm“ entspricht. Nein, es muss nicht mal in die Richtung Erotik gehen. Es reicht, wenn ich sage, dass ich keine Kinder möchte. Oder das ich keine Ausbildung oder Studium abgeschlossen habe.

Kennt ihr die Reaktionen, wenn man auf die „Wie geht’s dir?“-Frage mit NEIN antwortet?

Jeder kennt Labels. Manche hassen es, manche brauchen es. Es ist meiner Meinung nach ein gutes Hilfsmittel um Gleichgesinnte zu finden. Aber auch ein starkes Mittel um jemanden auszuschließen, der nicht diesem Label dazugehört. Ich sammle Labels. Weil ich so viel mehr bin als ein Label. Weil jeder mehr sein sollte als ein Label. Wir können alles sein was wir für richtig halten. Manchmal bin ich die Partyqueen, am anderem Tag zocke ich mit fettigen Haaren und Energy bis in den Morgengrauen. Manchmal kann ich nicht genug von der Welt haben und manchmal liege ich auf der Schaukel und lausche dem Wind und möchte allein sein. Ich kann schüchtern sein, ein nerviger Brat oder eine Slut. Anbei derzeit einer meiner Lieblingszitate.

„Ich bin eine Slut. Aber nicht deine.“

Seitdem ich offen zu mir stehe und mich von dem gelöst habe, so zu sein wie meine Eltern und die Gesellschaft von mir erwarten, fühle ich mich frei und authentisch. Aber um nicht die andere Seite zu vergessen, gebe ich meine Mitmenschen mehr Raum mich zu werten und mich zu verurteilen. Ich bin schon ziemlich hart im nehmen und bin durchaus stolz drauf meine Meinungen zu vertreten, aber trotzdem nicht aus Stahl. Es wäre eine Lüge, wenn ich sagen würde, dass die Blicke mir nichts ausmachen. Ich erwische mich schon dabei wütend darüber zu sein, dass die Gesellschaft so intolerant ist und nicht fähig ist über den Tellerrand zu schauen. Nur weil man es selbst nicht mag, muss es nicht unbedingt schlecht oder komisch sein.

Manchmal ist es gar nicht so einfach man selbst zu sein. Das Gute und Schlechte daran ist, dass man mit vielen Menschen keine Verbindung aufbauen kann. Die Sache ist, dass wenn man es mit jemandem kann, es sich total besonders anfühlt. Zumindest für mich. Ich habe zwar sehr viele schlechte Dates und Enttäuschungen erlebt, aber auch wunderbare Menschen in meinem Leben kennengelernt. Sie werden mir immer viel bedeuten, egal wie oft ich sie (nicht) sehe oder mit ihnen schreibe. Es gibt Dinge, die zeitlich begrenzt sind, aber ich denke gerne zurück und frage mich ob sie glücklich sind oder auch ab und zu an mich denken.

Wer meinen letzten Tagebucheintrag gelesen hat, der hat herausgefunden, wie sehr ich von meinem ursprünglichem Ziel abgeschweift bin. Es ist das beste was mir passiert ist. Die Erkenntnis, dass ich eigentlich gar nicht das will, was die Mehrheit in meinem Umfeld möchte. Ich hatte schon immer meinen eigenen Kopf, aber die Entdeckung meiner Sexualität und BDSM hat mich vervollständigt. Ich durfte so viele intensive Momente und Gefühle erleben. So vieles, was ich nie geglaubt hätte, dass ich es jemals empfinden könnte. Was ist sagen möchte ist, dass man selbst über seine Werte nachdenken soll und auch mal Dinge hinterfragen sollte. Nur weil es sich für andere richtig anfühlt, kann es sich bei dir das Gegenteil sein.

Ich wünsche jedem von euch die Freiheit über seine eigenen Gefühle sprechen zu können. Ich wünsche jedem, dass er sich mit Menschen umgibt, die einen so lieben wie man wirklich ist. Ich wünsche jedem eine Umgebung, wo er selbstbewusst sein darf ohne verurteilt zu werden. Ich wünsche jedem, dass er Erfüllung findet. Ich wünsche jedem die Liebe, die zu demjenigen passt. Ich wünsche mir, dass die Welt ein Stück emphatischer, authentischer und unabhängiger wird. Ich wünsche mir tolle Menschen, die mich auf meinem Weg begleiten und meine Muse sind.

Nein, ich bin keine Heilige. Ich hatte meinen Moment und meinte das auch so. Doch manchmal denke ich mir, dass alle einfach dumm sterben sollen, weil die hoffnungslos sind. Ich möchte auch nur die Welt verändern, weil ich mich dann wohler fühlen würde und wenn es andere glücklich macht, kann das inkludiert werden. Lass uns gemeinsam anders sein. Lass uns zusammen weniger einsam sein. Lass uns über den Abgrund sprechen und über unsere Ängste und Hoffnungen. Lass uns in den Armen von einander liegen und Liebe machen. (Habe gerade wohl einen komischen künstlerischen Flow, haha.)

Ich kenne das schreckliche Gefühl niemanden zu haben, der einen verstehen kann. Wo man abschalten kann oder über Dinge sprechen kann, über die man vielleicht doch nicht reden möchte, es aber sollte. Ich hatte bis ich 14 war nicht wirklich Freunde. Ich war sehr schüchtern und empfand meine Klassenkameraden irgendwie langweilig. Vielleicht merkte ich auch die Oberflächlichkeit bei den „BFF’s“, die dann plötzlich mit deinem Freund besoffen auf einer Party rumknutschen. Ich hasste es, wie alle blind einem dummen Trend hinterhergelaufen sind. Das hatte ich noch nie verstanden, warum man Dinge plötzlich mag, weil es die anderen tun. Dann gibt es ja noch diese Partei die „Anti-Mainstream“ sein wollen und sowieso gefühlt alles schrecklich finden.

Es fing eigentlich an, dass ich mich davon abgewandt habe eine Prinzessin zu sein. Als Kind liebte ich Barbies, aber ich habe schnell gelernt, lieber stark zu sein und alles selbst in die Hand zu nehmen, anstatt wie eine damals gute Freundin von mir andere Typen ausgenutzt hat. Ich freue mich, wenn man mir die Autotür aufhält oder wenn man mich zum essen einlädt. Es sollte aber die freie Wahl meines Gegenübers sein und nicht weil ich eine Frau bin. Ich war auch viel lieber mit Jungs, trug Skaterklamotten und mochte es mit denen Pornos zu schauen. Erst ein paar Jahre später habe ich dann meine ersten Mädels gefunden, mit den ich mich gut verstanden hatte. In der Zeit entdeckte ich Röckchen und trug gerne Highheels.

Gewisse Grenzen legt man sich selbst. Man kriegt die kleine Box um einen gestülpt und sieht die anderen da drin. Vielleicht fühlt man sich beschützt und traut sich nicht rauszuschauen oder sie abzulegen. Ich hatte meine Listen und meine Regeln mit den ich meinen Horizont verschlossen habe. Damals datete ich nur Vietnamesen, die auch die Sprache beherrschen, wünschte mir einen Musiker als Freund. Außerdem wollte ich nie jüngere Daten. Das habe ich letztendlich doch gemacht und ich hatte Recht damit, dass es eher nicht passt. Trotz allem habe ich aufgehört Dinge zu erschließen oder auszuschließen. So habe ich viel mehr Möglichkeiten Glück zu finden.

Es gibt immer andere Menschen, die auch anders sind und es gut passt. Ich denke man sollte aufhören Zeit zu verschwenden Pläne zu schmieden und mehr das tun, wonach einem gerade ist. Ist doch unwichtig ob dich alle mögen. Es ist viel wichtiger, dass die richtigen dich lieben und du sie auch. Alle die keine Toleranz und nötige Wertschätzung entgegen bringen können, gehören nicht in euer Leben rein. Ich kann es nicht oft genug sagen, aber umarmt eure Individualität. Seid stolz drauf einen Charakter zu haben und „anders“ zu sein. Mutiger zu sein als die anderen… Es geht nicht mal darum, dass man dadurch toller und interessanter wirkt, sondern wie nah ihr euch selbst seid.

Irgendwie habe ich heute tatsächlich das Gefühl, dass dieses totd einfach keinen richtigen Inhalt hat. Naja, dann habt ihr wenigstens ein bisschen was über mich erfahren. Bis bald!

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3 Gedanken zu “totd #23 – Authentisch sein

  1. Pingback: totd #25 - Demisexualität | SEX.CHRONIK.

  2. Sehr schön reflektierend geschrieben und es erlaubt einen klitzekleinen Blick in die Person yuuself. Ich mag diesen, Deinen, Text echt total, weil er mich natürlich mich selbst hinterfragen lässt, wie ich auf eher ungewöhnliche Sachen reagiere, obwohl sie doch für den anderen gewöhnlich sind. Echt Klasse!

    Nur alleine deine Wünsche an den Rest da draußen sind sehr warm formuliert. Ich würde es sehr begrüßen, wenn sich alle diese Wünsche, okay vielleicht auch nur einige wenige von diesen, für mich sich erfüllen könnten.

    Mehr Lob für deinen Eintrag bedarf es von mir nicht.
    WUNDERBAR!!

    Der Trooper

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